Warum endloses Wachstum dich kaputtmacht
💥 Loslassen lernen: Warum endloses Wachstum dich kaputtmacht (und was die Natur besser weiß)
Ich sitze auf dem Balkon, nackte Füße auf den warmen Fliesen, der Aperol längst wässrig geworden, aber ich trinke trotzdem. Unten lärmen noch Kinder im Hof, oben zieht der Himmel schon einen goldenen Schleier.
Es ist dieser Spätsommerabend, an dem du plötzlich merkst: Alles ist noch schön – aber die Energie ist gekippt.
Die Tomatenpflanzen sind müde, die Blüten zu Früchten geworden, die Früchte schon fast matschig. Der Sommer will nicht gehen, aber er glänzt nicht mehr.
Und ich denke: Warum checken wir das im Leben so oft nicht?
Warum haben wir diesen abartigen Drang, immer noch eins draufzusetzen – wo doch alles in der Natur ganz klar sagt: Es gibt einen Bogen, und du bist nicht größer als er.
🌱 Der natürliche Zyklus: Wachstum, Reife, Ernte, Vergehen, Ruhe, Neubeginn
Schau dir die Natur an. Sie ist die radikalste Lehrmeisterin fürs Leben – und vor allem fürs Loslassen lernen.
- Frühling → Aufbruch.
Alles ist frisch, neu, voller Potenzial. Ideen sprießen, Beziehungen knistern, Projekte machen Gänsehaut. - Sommer → Wachstum.
Du blühst, probierst, expandierst. Es läuft. Du willst alles. Und ein bisschen mehr. - Herbst → Reife & Ernte.
Du sammelst ein, was du aufgebaut hast. Erfolge, Erkenntnisse, Früchte. Die Farben sind satt, aber die Luft wird klarer. - Winter → Rückzug.
Du ruhst. Regenerierst. Lässt los, was vorbei ist. Kein Drama, nur Naturgesetz.
Und dann? Geht’s wieder von vorne los. Nicht als Kopie, sondern als nächste Runde.
🚨 Warum wir den Zenit verpassen
Hier kommt der schmerzhafte Teil:
Wir Menschen ignorieren den Herbst. Wir wollen Frühling-Sommer, Frühling-Sommer, Frühling-Sommer – immer Schub, nie Stille.
Warum?
Weil wir Zenit mit Untergang verwechseln.
Weil wir nicht merken, dass „noch ein bisschen mehr“ oft nur noch mehr Stress bedeutet.
Weil wir Angst haben, dass Ruhephase gleichbedeutend ist mit Stillstand, Langeweile oder (Gott bewahre) Bedeutungslosigkeit.
Aber hier spricht dein Zukunfts-Ich:
Der Zenit fühlt sich nicht an wie Abgrund, sondern wie Sättigung.
Das Feuerwerk war schön – aber jetzt ist nicht mehr „noch eins“, sondern: Wow, was für ein Abend.
🔍 Wie du den Zenit erkennst
- Die Freude wird Pflicht.
Was mal leicht war, zieht jetzt Kraft. - Du optimierst nur noch, statt Neues zu schaffen.
Mehr Umsatz, mehr Likes, mehr Anerkennung – aber es macht innerlich nichts mehr mit dir. - Dein Körper sendet subtile Signale.
Müdigkeit, Gereiztheit, Unruhe. - Deine Intuition flüstert: Es reicht.
Du hast nur gelernt, sie zu überhören.
✂ Loslassen lernen – ohne Drama
Und jetzt der Clou: Loslassen heißt nicht, alles wegzuschmeißen.
Es heißt: bewusst abrunden.
Hier ein paar radikal praktische Tipps:
✅ Plane Endpunkte von Anfang an.
Setz dir nicht nur Ziele fürs Wachstum, sondern auch für die Ernte. Was willst du am Ende mitgenommen haben?
✅ Übe Mini-Abschiede.
Nicht erst beim Jobwechsel oder Beziehungsende, sondern im Kleinen: den Tag abschließen, Projekte feiern, statt nur abhaken.
✅ Rituale für Übergänge.
Mach’s dir schön: Geh essen, schreib dir einen Brief, bedank dich bei dir. Nicht aus Kitsch, sondern als Markierung.
✅ Sieh Winter als Teil des Plans.
Nicht als Niederlage, sondern als Notwendigkeit. Wer nie pausiert, brennt nicht nur aus – er verblödet auch.
Wie geht das Loslassen von Wachstum konkret?
✨ Am Ende des Arbeitstags:
Nicht einfach Laptop zuklappen, Handy checken, Essen reinschaufeln. Sondern kurz zurückschauen: Was habe ich heute geschafft? Was war gut? Vielleicht drei Dinge aufschreiben, die du dir selbst zugestehst. Dann bewusst sagen: Feierabend. Ich darf jetzt runterfahren.
✨ Nach einem Projekt:
Nicht sofort ins nächste sprinten. Mach eine Mini-Zeremonie: Schick dir selbst eine Voice Message, was du daraus gelernt hast. Lade das Team auf einen Kaffee ein. Poste etwas dazu (ja, auch das kann ritualisiert sein). Hauptsache: Es bekommt einen Endpunkt.
✨ Nach einer intensiven Phase (z. B. Prüfungen, großer Job-Stress, Sportziel):
Gönn dir keine neue To-do-Liste, sondern eine Pause. Auch wenn’s nur ein Spaziergang ohne Podcast ist, ein Abend ohne Pläne oder ein langes Bad mit Musik, die dich runterholt.
✨ In Beziehungen:
Nicht nur an Jahrestagen – auch mal zwischendurch bewusst wahrnehmen: Was hatten wir für eine gute Woche? Wo haben wir uns als Freunde, Partner, Kolleg:innen unterstützt? Das kann ein kurzes „Hey, danke für diese Woche“ sein. Klingt klein, verändert aber viel.
✨ Beim Tag allgemein:
Mach dir abends ein kleines „Abschied & Danke“-Ritual: Kerze anzünden, kurz die Augen schließen, den Tag gehen lassen. Oder wie eine Freundin von mir: kurz vorm Schlafen sagen „Danke, war schön heute – morgen sehen wir uns wieder.“
Warum das wichtig ist?
Weil du so übst, dich vom „immer weiter“ zu lösen.
Du trainierst, Dinge abzurunden, statt sie einfach zu überrollen.
Und das macht dich stärker, wenn irgendwann die großen Abschiede kommen.
💬 6 Mini-Loslass-Affirmationen für dich
Wenn du dir schwer tust mit Loslassen, hier ein paar Sätze, die dich sanft dran erinnern:
1️⃣ „Ich darf stolz sein, auch wenn noch nicht alles perfekt ist.“
Perfektion killt Abschluss. Feier lieber das, was fertig ist.
2️⃣ „Ich lasse diesen Tag rund enden – er muss nicht mehr sein, als er war.“
Keine Nachtschicht im Kopf. Schlussstrich ziehen.
3️⃣ „Ich nehme mit, was wertvoll war, und lasse den Rest hier.“
Erkenntnisse ja, Grübeln nein.
4️⃣ „Ich kann innehalten, ohne stehenzubleiben.“
Ruhe ist kein Rückschritt, sondern Teil des Rhythmus.
5️⃣ „Ich schließe dieses Kapitel bewusst, um Raum fürs Nächste zu schaffen.“
Kein Loslassen ins Nichts – sondern ins Offene.
6️⃣ „Ich bin nicht nur das, was ich erreiche – ich bin auch das, was ich verdaue.“
Erfolg ohne Integration ist nur Koffein für die Seele.
✨ Der größte Mindshift
Wer immer nur Sommer will, bekommt irgendwann Dürre.
Erst wenn du erkennst, dass Vergehen und Ruhe keine Bedrohung, sondern Teil des Zyklus sind, kannst du langfristig wachsen – ohne dich kaputtzumachen.
Das Leben atmet in Bögen, nicht in Pfeilen.
Und das Genialste? Du musst nichts künstlich festhalten. Nach der Ruhe kommt immer ein Neubeginn.
💭 Und jetzt du
Wo in deinem Leben hast du Angst, dass etwas vorbei sein könnte – und verlängerst es künstlich?
Wo bist du vielleicht längst im Herbst, obwohl du noch Sommer spielst?
Und was würdest du gewinnen, wenn du das nächste Winter-Intermezzo einfach mal zulässt?
Ich stoße mit dir an – auf den Mut, zu gehen, wenn’s am schönsten war. Und auf die Lust, wieder neu zu beginnen. 🍷
Mila


